Alles anders

Nein, es folgt kein "Früher war alles besser"-Beitrag, sondern eine kleine Reise in die Vergangenheit. Wie ich darauf komme? Letzens hatte ich ein Gespräch mit einer Bekannten, gerade 18 geworden. Irgendwie begannen wir über Facebook und Co. zu plaudern. Ich bin ja mit dem Gedanken aufgewachsen, dass ich viele meiner Kindergarten-, Volksschul- und Gymnasiumfreunde vermutlich aus den Augen verlieren und die meisten davon mein Leben lang nicht mehr wieder sehen werde. Ein 1994er Jahrgang ist mit Sozialen Netzwerken aufgewachsen und kennt es nicht anders. Ihr war immmer klar, dass man sich mit nur einem Klick auf Ewigkeiten vernetzen kann. Mir früher nicht.

Irgendwann erzählte ich also aus einer fernen Zeit vor Social Media, also irgendwann um die Jahrtausendwende, als ich gerade nach Wien und sie in die Schule kam. Einem verwirrten Blick folgte die Frage: "Wie, vor Facebook?" Ja, meine Liebe! Es gab für uns ein Leben vor Facebook, Twitter und Co. Wir frühen 30er sind in unserer Kindheit und Jugend dennoch nicht ausschließlich ohne Kontakt zur Aussenwelt in Höhlen gesessen und haben auf unseren ersten monochromen Handydisplays rumgespielt. Wir hatten auch soziale Kontakte, nur mussten wir uns in der Schule verabreden und wenn jemand zufällig nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort war gab es wenig Möglichkeiten, sich noch zu erreichen. Das ging bei mir bis 16 so. Erst dann habe ich mein erstes Handy, übrigens ein Bosch 607, mein Eigen nennen dürfen.

Was sonst noch anders war als heute? Das Fernsehprogramm zum Beispiel. Tendenziell sind wir auch nicht ewig vor dem Fernseher rumgehangen. Das Programm hat einfach zu wenig hergegeben. 2 nationale Sender und eine überschaubare Auswahl an Serien wie Pumuckl, Bezaubernde Jeannie, Alf, Knight Rider und später dann auch schon MacGuyver und Baywatch. Nicht selten wurden sie auch in genau dieser Folge ausgestrahlt. In ganz jungen Jahren hatten wir noch das Kasperltheater um 20 Uhr und irgendwann nach Mitternacht auch nur mehr das Testbild auf FS1 und FS2 (für alle jüngeren Leser = ORF 1 und ORF2 vor 1992). Vor Sat- und Kabel-TV lief das Programm auch noch nicht die ganze Nacht durch. Man war also gut beraten Freunde und Freude abseits der TV-Welt zu haben.

80er Jahre Hits

Musikalisch haben wir uns irgendwo zwischen Oldies, Goldies und neu aufkommenden Musikrichtungen bewegt. Um den richtigen Hype rund um Grunge mit zu erleben, waren wir fast noch ein wenig zu jung. Aber irgendwie sind wir dann in das Fahrwasser zwischen Grunde und Plastikpop der 90er geraten. Wir zählten zur Generation MTV, als dort noch mehr Videoclips anstelle von Soaps ausgestrahlt wurden und der Sozialporno noch nicht Einzug hielt. Wir kannten den Sound von Hole und Nirvana noch zu Kurt Cobain's Lebzeiten. Ach ja und wir haben die guten Zeiten miterlebt - von Michael Jackson und Whitney Houston.

Aber was tun, wenn dann der Lieblingshit im Radio läuft? Na klar, so rasch wie möglich auf Kasette aufnehmen! Perfektes Timing und feinmotorische Fähigkeiten synchron auf Play / Rec zu drücken natürlich vorausgesetzt. Und eine Kasette musste bei der Hand sein. Wer ein Lied vollständig aufgenommen hatte, erlangte Heldenstatuts. Meist hat aber der Moderator im letzten Drittel reingeplappert und vorbei wars mit der Illusion der perfekten Aufnahme.

Wie wir uns sonst noch die Zeit vertrieben haben? Flippern und Tischtennis standen bei mir ganz oben auf der Liste. Das Tricotronic und später das Nintendo Entertainment System (NES) mit sagenhafter 2D-Technologie durften auch nicht fehlen. Nächtelang wurden Super Mario Bros, Tetris und später auch Spieleklassiker wie Maniac Mansion durchgespielt. Am Morgen hieß es dann aber wieder zeitig aufstehen. Immerhin musste ein digitales Ei namens Tamagotchi verhätschelt und umsorgt werden. Wobei letzterer Trend eigentlich bis auf einen armseligen und absolut talentfreien 24-Stunden-Versuch an mir vorüber gezogen ist.

In späteren Jarhen waren wir dann irgendwann auch mobil erreichbar. Wir wissen aber auch noch, wie es ist, sich mit drei Familienangehörigen um das Festnetztelefon zu streiten und wenn bei einem Anschluss pro Haushalt plötzlich die Mutter über den zweiten Apparat ins Gespräch platzt und: "Du hat jetzt genug telefoniert" reinruft. Als dann das World Wide Web dazu kam und wir uns über die 56k-Modem Leitungen einwählen musste, wurde es auch nicht besser mit den Familienkrisen. Wer telefoniert, wer surft? Im großen und ganzen: Wer blockiert und setzt sich in der Leitung durch. Zwischen dem Aufbau der Verbindung und dem Einstieg in die große weite Welt des Internets konnte man getrost noch den Schrank ausmisten, ein Vollbad nehmen und dem Gras beim Wachsen zusehen. W-Lan kannten wir ja noch nicht. Wir waren auch nicht in Social Media, sondern im Ö3 und später, weil cooler, im FM4-Chat unterwegs.

Mein Fazit: Nein, früher war sicher nicht alles besser, es war sogar umständlicher. Aber ein wenig back to the roots würde uns nicht schaden. Vieles, was für mich als Kind selbstverständlich war, ist heute wieder Luxus. Hochwertige Lebensmittel zum Beispiel. Bei mir daheim gab es als Beilage zum Steak noch keine Chips aus der Mikrowelle sondern echtes Gemüse aus dem Boden im eigenen Garten. Und irgendwie war auch klar, das Kühe Heu bekommen und das Litschis Samstag Nachmittag um 5 im Supermarkt nicht verfügbar sind. Über den Sommer haben uns auch nur drei Sorten Eis gebracht: Erbeere, Vanille und Schokolade und als Verdünnungssaft gabs nicht: Litschi-Ananas-Kokos-Minze-Papaya-Guave sondern Himbeer-Zitrone. Erfrischend einfach eben.

Das waren ein paar meiner Highlights und welche hattet ihr so?

©Fotomaterial: Subotron, Lauren Garza, Monado, Yannick Croissant, Koi's World, Luca Nonato

Saved: Life
Sabrina Hanneman

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