Home office sucks

Yahoo Chefin Marissa Mayer zitiert ihre Mitarbeiter ins Büro und die Welt schreit auf. Schon wieder. Zu groß die Befürchtung, dass Stechuhr, vorgeschriebene Arbeitszeiten und Tristesse im Büroalltag einen wieder zurück in die Generation overworked and underfucked befördern. Noch dazu ist es ja so letztes Jahrtausend, schränkt persönliche Freiheiten ein und bringt einen an den Rande der Lebensqualität. Und das in einer Zeit in der ortsunabhängige Kollaboration als heiliger Gral der Arbeitswelt gesehen wird und die Bezeichnung „klassischer Büroalltag“ als Schimpfwort gilt.

Berechtigte Empörung?

Für viele ist eine freie Zeiteinteilung selbstverständlich und so mancher Arbeitgeber fühlt sich durch diesen Trend unter Druck gesetzt. Man möchte ja als Vorzeigeunternehmen mit den kreativsten, produktivsten und glücklichsten Mitarbeitern wahrgenommen werden und in der Aussenwahrnehmung ja nicht als verstaubt oder womöglich altbacken gelten.

Dann sind da ja noch die jungen Mütter. Bevor jemand jetzt auch nur an #aufschrei denkt: Für alleinerziehende Mütter ist eine flexiblere Zeiteinteilung in vielen Fällen wirklich essenziell, aber bei der aktuellen Debatte geht es um mehr und nicht all jene, die sich jetzt echauffieren zählen zu dieser Zielgruppe.

Also jetzt von vorne und mal ganz allgemein: Es spricht ja überhaupt nichts dagegen ab und an mal die Segel zu streichen und einen Tag Home Office einzulegen. Aber es ist nachvollziehbar, dass Arbeitgeber in etwa einschätzen können möchten, wer wann vor Ort ist und wer nicht. Besprechen laufen einfach leichter persönlich ab, als über Mail, Skype oder Telefon.

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Für mich ist es paradox, dass eine Generation, die sich so bemüht an die eigene Work-Life-Balance klammert, freiwillig Arbeit mit nach Hause nehmen möchte, um sich dieser dann nicht ein paar Stunden täglich zu widmen, sondern sie konsequent auf 24 Stunden aufzuteilen. Und das alleine. Ich glaube weder, dass die Moral unter Home office leidet, noch das diese Menschen weniger arbeiten. Es geht schlicht. um Interaktionen, die durch einen gemeinsamen Arbeitsplatz gefördert werden.

Am Beginn meiner Selbstständigkeit klang das auch für mich attraktiv. Nach Jahren des 9 to open end-Bürojobs eine wahre Erfrischung. Aufstehen, arbeiten, einkaufen, Kaffee trinken, lesen, wieder arbeiten, Freunde besuchen, Sport und wieder arbeiten. Aber es gibt eine Kehrseite der so verlockenden Medaille. Es ist nämlich weder cool, noch flexibel, wenn man während seinem Büroalltag auch das private Chaos handeln muss und man in seine Küche geht und bemerkt, dass der Geschirrspüler ausgeräumt gehört, der Kühlschrank leer ist, die Wäsche liegen bleibt oder die Haustiere Hunger haben. Zu verlockend, diese Digne, die ja nur 5 Minuten dauern schnell zwischendurch zu erledigen. Noch bevor man sich versieht gehen Stunden dafür drauf. Unter dem Deckmantel der produktiven Prodkrastination lässt sich dann ja so einiges verstecken. Die Arbeit wird aber dennoch nicht weniger.

Ich bin froh, wenn ich zu Hause auch mal privat sein kann. Arbeit nehme ich mir sehr bewusst mit in meine vier Wände. Wer selbstständig ist, arbeitet tendenziell oft auch von zu Hause. Die eigene Freizeit am Abend und am Wochenende zu opfern gehört dazu. Dass Angestellte diesen Wunsch nach permanenter Erreich- und Verfügbarkeit und Eindringen in ihre Privatsphäre haben, ist mir eher unverständlich. An dieser Stelle möchte ich einen meiner Mitarbeiter zitieren:

Eine Voraussetzung für mich, einen Arbeitsplatz anzunehmen ist es, dass ein Büro zur Verfügung gestellt wird, in dem ich arbeiten kann.

Ja, auch das gibt es. Mitarbeiter, die bereits Home Office-Erfahrung haben und diese nie wieder machen möchten.

Viele Auftraggeber haben zudem auch nur wenig Verständnis dafür, wenn Abgabetermine wegen der flexiblen Arbeitszeitgestaltung Einzelner nicht eingehalten werden können. Noch dazu kann es zu Abstimmungsproblemen im Team kommen und man geht einfach auch unter. Wer Präsenz zeigt, macht auch auf sich aufmerksam. Kein uninteressanter Aspekt für die eigene Karriere. Natürlich gibt es auch Ausnahmen und Mitarbeiter, die eine hohe Verlässlichkeit mitbringen, pünktlich abliefern und durch ihr Können auffallen. I‘m a lucky one - ich habe so jemanden gefunden und zähle zu jenen, die auch mit freien Mitarbeitern wirklich das große Los gezogen haben. In kleinen Teams ist es noch relativ leicht, bei Konzeren stelle ich es mir mehr als schwierig vor.

Zu oft hört man auch das Argument, Vorschriften gehen auf Kosten der Kreativität. Ein Argument, dass in der Kreativbranche zieht. Im Zentrum der beruflichen Selbstverwirklichung stehen Flexibilität und die Anpassung der eigenen Arbeitszeiten an die innere Uhr. Die Work-Life-Balance wird nach eigenen Bedürfnissen ausbalanciert oder kurz zusammengefasst: Der Wunsch das arbeitsbezogene Schlaraffenland zu betreten ist groß. Andere Branchen haben dabei nicht so viel Mitspracherecht. In klassischen Berufen stellt sich die Frage nach Heimarbeit erst gar nicht. (Klingt auf deutsch auch nicht so sexy, gell). Ein Bankangestellter, eine Sekretärin, ein Friseur oder die Einzelhandelskauffrau (man verzeihe mir meine genderfreie Schreibweise) haben nicht so viel Entscheidungsfreiheit bei der Arbeitszeitgestaltung. Und wir, die Kreativen beschweren uns sofort, wenn sie nicht vor Ort verfügbar sind, wann wir möchten.

Love it, change it, leave it

Mayer wird jetzt an den Pranger gestellt, da sie von Mitarbeitern Anwesenheitspflicht im Büro einfordert. Dabei kann doch jeder frei entscheiden, wie er sein Jobleben gestalten möchte. Immerhin wird niemand gezwungen in einem Angestellten-Verhältnis beschäftigt zu sein. Wer wirklich komplett nach der eigenen Uhr arbeiten möchte, kann sich selbstständig machen. Anderenfalls ist es nur nachvollziehbar, dass Arbeitgeber auch das Recht haben, gewisse Rahmenbedingungen zu schaffen. Wichtig dabei ist es, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wer Personalverantwortung hat, muss auch als Vorbild agieren uns sollte während der Arbeitszeit auch vor Ort sein und nicht den Sport, die Maniküre oder sonstige Freizeitgestaltung vorziehen.

In unserer Agentur entstehen viele Projektideen und Ansätze zum Beispiel auch während Pausen, dem Mittagessen oder dem klassischen After work Bier und nicht unbedingt immer am Schreibtisch. Austausch ist das Zauberwort. Und freie Zeiteinteilung ist dabei dennoch möglich. Wer Zeit für private Besorgungen benötigt oder einfach mal daheim arbeiten möchte, bekommt diese Freiheiten in einem modernen Arbeitsumfeld auch. Auf die Bedürfnisse des Einzelnen muss heutzutage eingegangen werden. Arbeitgeber müssen mehr denn je darauf achten, dass Mitarbeiter den Weg eines Unternehmens aus Überzeugung mitgehen möchten, eigene Ansätze verfolgen und Ideen verwirklichen können und last but not least auch voneinander profitieren.

Schlimm, wenn Angestellte sich nur mit dem Gehaltszettel des Unternehmens identifizieren und ansonsten am liebsten einen weiten Bogen drum rum machen. Sei es wegen der Arbeit an sich, den Kollegen oder der Vorgesetzten. Sehen Mitarbeiter den Gang ins Büro als Belastung an, so läuft grundsätzliche etwas schief und man sollte sich auch als Arbeitgeber überlegen, wo die Ursachen dafür liegen. Denn meist fängt der Fisch vom Kopf her zu stinken an.

Und hier noch ein Video, wie man sich Home Office 1967 vorgestellt hat. Gefunden bei Kraftfuttermischwerk

Wie ist eure Meinung dazu, Home Office ja oder nein oder welches Arbeitsmodell bevorzugt ihr?

Sabrina Hanneman

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