Japan - Anteilnahme und Unverständnis

Es steht außer Frage, dass die derzeitigen Ereignisse in Japan nicht in Worte zu fassen sind. Nicht für die Betroffenen und auch nicht für den Rest der Welt, der fassungslos die täglich eintreffenden Hiobsbotschaften in den Medien mitverfolgt. Es handelt sich um ein nie dagewesenes Horrorszenario noch nicht absehbaren Ausmaßes. Oder um es mit den ungeschickt gewählten und untertriebenen Worten eines NTV-Journalisten zu sagen „Es ist ein Potpourri an Katastrophen.“

Aber ich differenziere. Zwischen der Naturkatastrophe und der daraus resultierenden menschlichen Tragödie, die mehr als eine halbe Million Japaner völlig unerwartet ereilt hat. Und den Ereignissen rund um das AKW Fukushima.

Jetzt mal ehrlich, Leute. Wissen wir seit vergangenen Freitag über Risiken und Schwächen der Atomkraft? Heute morgen habe ich einen Beitrag auf der Futurezone mit der Headline "Facebook Online Proteste ohne Offline Effekt" zu diesem Thema gelesen, der mir aus der Seele spricht. Darin ging es unter anderem um die mit der Katastrophe zusammenhängende Online-Proteste zur Nutzung von AKWs in Sozialen Netzwerken und die „Nein zur Atomkraft“ Bekundungen in Form von Stickern am eigenen Profilfoto. Und nicht zuletzt um den marginalen Offline-Effekt dieser Bekundungen. In dem Artikel heißt es, dass sich rund 67.000 Facebook User „gegen Atomkraft“ bekennen. 30.000 User sagen „Atomkraft, Schluss jetzt!“. Schöne Zahlen, nur leider offensichtlich ohne Relevanz.

Auch ich war letzte Woche hin- und hergerissen zwischen Anteilnahme, Hilflosigkeit, aber auch einer gehörigen Portion Unverständnis. Letzteres bezogen auf die plötzliche Aufregung rund um die Nutzung der Kernenergie. Dass im besten Fall unvorhersehbare Ereignisse auftreten können, die im worst case zu Katastrophen führen können, war doch nicht wirklich eine neue Erkenntnis, oder? Viele von uns haben doch Tschernobyl, wenn vielleicht auch als Kinder, miterlebt. Man könnte davon ausgehen, dass dies als Mahnmal genügt hat. Ich nehme mich nicht aus, aber was haben wir in der Zwischenzeit unternommen?

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Ich weiß, 1986 ist lange her. Seither haben sich ja auch die Sicherheitsstandards verbessert und Störfälle werden ohnehin nur dann bekannt, wenn sie von den Verantwortlichen nicht mehr vertuscht werden können. Natürlich verschließen viele lieber die Augen und leben in der Hoffnung, das schon alles gut ausgehen wird. Man kann mich gerne kritisieren, aber ich finde die plötzliche Erleuchtung in den Köpfen der Menschen zu den Gefahren der Atomenergie aufgesetzt!

Das früher oder später ein weiteres Tschernobyl auf uns zukommen könnte, war absehbar. Wo waren die massiven Proteste als in Italien, den USA und der Türkei die Pläne zur Errichtung neuer Atomkraftwerke bekannt gegeben wurden, oder Deutschland die Laufzeitverlängerung deutscher Kraftwerke beschlossen hat?

Ich erinnere mich an eine ähnliche Welle von Protesten im April vergangenen Jahres. Am 22. April war die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ nach einer Explosion gesunken. Monatelang gelangten unvorstellbare Mengen an Rohöl in den Golf von Mexiko. Ein Thema, das die Menschen weltweit aufschreien ließ. Bis zum 19. September 2010, als die Meldung einer erfolgreichen Bohrloch-Versiegelung durch die Medien ging. So laut anfangs geschrien wurde, so stumm ist es jetzt. BP verzeichnet zwar massive Verluste und auch für Tony Hayward, den Ex-Chef con Britisch Patrol gab es für das vergangene Jahr keinen Bonus, was man bei einer einer Abfertigung von 1.6 Millionen US-Dollar und einer Rente von 1,1 Millionen Dollar pro Jahr wohl verkraften wird. Aber wer ist noch immer am Laufenden über die nachhaltigen Schäden?

Versteht mich nicht falsch, ich bin von den Ereignissen in Japan tief betroffen, wie selten bei einem Ereignis zuvor. Mir gehen die Vorfälle und Schicksale zu Herzen und ich denke an die Menschen, die ihre Lieben verloren haben und an jene, die ohne Dach über dem Kopf in Notlagern untergebracht sind. Viele von ihnen haben keinen Kontakt zu Verwandten, geschweige denn wissen sie, ob diese überhaupt noch leben. Wenn ich die Nachrichten über die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis sehe, besinne ich mich auf das wesentliche und weiß zu schätzen, wie gut es mir eigentlich geht. Mit diesen Gedanken stehe ich im Moment sicherlich nicht alleine da. Die menschlichen Schicksale sind in meinen Augen die wahre Katastrophe.

Meine Bewunderung und mein Mitgefühl gilt den Menschen und vor allem Technikern vor Ort, die immer noch ihr Möglichstes geben, um eine drohende Kernschmelze zu verhindern. Sie setzen sich der Strahlung aus, um ihre Mitmenschen zu schützen. Die gesundheitlichen Folgen für diesen Einsatz sind zu erahnen.

Und genau deshalb regt es mich auch auf, wenn hierzulande Hamsterkäufe an Jodtabletten und Geigerzählern stattfinden und in den heimischen Medien immer wieder die Folgen einer möglichen Kernschmelze für Österreich aufgegriffen wird. Eine hochdiskutierte Gefahr, die zum Glück - zumindest für uns - keine ist. Mein Vorschlag wäre, dass wir zumindest in diesem Fall aufhören uns so wichtig zu nehmen und in Form von Spenden dort zu helfen versuchen, wo Hilfe auch tatsächlich benötigt wird.

Leider ist der Mensch so konstituiert, dass ihm erst schreckliches widerfahren muss, damit er wachgerüttelt wird. Geht mir leider im Endeffekt auch nicht anders. Ich war nie für die Nutzung der Atomenergie, aber ich war auch nicht aktiv dagegen. Ich habe mich nicht am Weg der Castor-Transporte an die Schienen gekettet und auch bei keiner Protestaktion mitgemacht. Ich habe mir eine Meinung gebildet, bin dafür aber weder auf die Straße gegangen, noch habe ich mich bisher besonders dafür engagiert. Keine besondere Leistung von mir, aber ich vermute einem Teil der 67.000 Facebook User, die jetzt „Nein zur Atomkraft“ sagen, ist es ähnlich ergangen.

Saved: Life, Thoughts
Sabrina Hanneman

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